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Veröffentlicht am: 04.01.2022

Ein virtueller historischer Spaziergang durch Kalchreuth

Ich möchte Sie jetzt auf einen virtuellen historischen Spaziergang durch Kalchreuth begleiten. Virtuell deshalb, weil ein körperlicher Spaziergang für Sie vielleicht zu anstrengend ist oder weil Sie unter einer Sehschwäche leiden.
Zuerst möchte ich mich vorstellen: Mein Name ist Heinz Wehrfritz. Ich wurde während des Endes des zweiten Weltkrieges in Kalchreuth geboren. Meine Kindheit und meine Jugend verbrachte ich hier. Ich gründete eine Familie, baute ein Haus und fand viele Freunde.

Aber nun wollen wir mit unserem Spaziergang beginnen. Wir starten auf der Westseite des Dorfplatzes vor dem Wölkernschlösschen. Es zeigt sich als ein Gebäude aus Sandstein mit Erdgeschoß und einem Stockwerk, darüber ein Walmdach. Die Fenster sind von grünen Holzfensterläden umrahmt. Eine Sandsteinmauer umschließt das Grundstück. Die Familie Sauermann aus Nürnberg erbaute es im Jahre 1492. Viele Jahre wurde es vom Bayerischen Staat als Forsthaus genutzt bevor es die Familie Meisel vom Landgasthof gegenüber erwarb und liebevoll restaurierte. Seit dem Jahr 2000 dient es als Gästehaus.

Der Landgasthof von Doris Meisel trägt den Hausnamen „Bloodzmassl“. Der „Bloodz“ ist umgangssprachlich der Platz, also der Dorfplatz. Der Bloodzmassl ist nachweislich die älteste Gaststätte in Kalchreuth. Es ist ein stattliches Sandsteinhaus, welches in den letzten Jahren immer wieder restauriert wurde. Außen blieb die alte Ansicht erhalten während innen die Gaststuben, die Küche und der Verkaufsladen modernisiert wurden. Pfarrer Dr. Carl Gottlob Rehlen erwähnte 1557 in seiner Chronik erstmalig die Hallersche Schenkstatt. „Hallersche“ deshalb, weil in dieser Zeit die Familie Haller, ein Nürnberger Patriziergeschlecht, die Lehensgeber für die meisten Anwesen in Kalchreuth war.

Die Haller waren auch die Lehensherren des „Bloodzschmie“, einer alten Schmiede auf der Südseite des Dorfplatzes. Sie wird in den Kirchenbüchern erstmals 1692 erwähnt.

Rechts neben dem Bloodzmassl steht das Haus des „Schneidersbeck“. Den Hallern zuständig gehörte dieses Anwesen vor dem 30-jährigen Kriege zur Schenkstatt der Haller. Es wurde aber um 1650davon abgetrennt. Bis in neuerer Zeit wurde auf diesem Anwesen eine Bäckerei betrieben. Jetzt dient es als Wohnhaus.

Wenn wir weiter Richtung Norden gehen versperrt uns das Feuerwehrhaus die Sicht auf den Dürerblick. Albrecht Dürer malte nämlich vom Hallerschloss aus, zu dem wir noch kommen, zwei Bilder.

Auf der linken Seite steht ein Haus neueren Stils mit dem Hausnamen „Strubl“. Daneben verläuft eine kleine Gasse, die in den Rosenwinkel führt.

Am Ende der Gasse stoßen wir auf ein beachtenswertes Wohnhaus, „den Einser“. Man sieht ihm seine ereignisreiche Vergangenheit nicht an. Um den Hausnamen zu verstehen müssen wir weit zurückgehen in der Geschichte des Dorfes.
Im Jahre 1342 erwarb der reiche Patrizier Ulrich Haller aus Nürnberg das Dorf Kalchreuth von den Nürnberger Burgrafen. Damit gehörte es zum Nürnberger Land und das bis Anfang des 19. Jahrhundert. Andererseits lag es, ebenso wie die Freie Reichsstadt Nürnberg, auf dem Gebiet der Markgrafen von Bayreuth. Das führte zu einem Jahrhunderte dauernder Streit um die Vorherrschaft im Dorf. Während zu Beginn die Haller ihre Macht als Lehensherren ungehindert ausüben konnten gewannen die Markgrafen im Laufe der Zeit immer mehr Einfluss. So setzten sie neben dem Hallerschen Vogt auch einen eigenen Vogt und Wildhüter ein. Dieser wohnte in einem kleinen Haus, welches an dieser Stelle stand. Als dann im Jahre 1796 Kalchreuth dem preußischen Königreich einverleibt wurde bekam der bis dahin markgräflichen Vogt die Aufgabe, Hausnummern zu vergeben. Und er verlieh seinem Häuschen die Nummer 1, dem Wölkernschlösschen die Nummer 2 und erst die Nummer 3 dem stattlichsten privaten Gebäude am Ort, dem Hallerschloss. Wegen dieses Streiches gaben die Kalchreuther dem Anwesen den Hausnamen „der Einser“.

Wir gehen geradeaus weiter und verlassen das Dorf bis wir auf die Erlanger Straße treffen. Dort biegen wir links ab und sehen an einem Haus auf der linken Seite ein Hausnamensschild mit der Aufschrift „Maxnschoster“. Die Bezeichnung geht auf ein außergewöhnliches Ereignis mit bis in die heutige Zeit reichende Folgen zurück. Im Jahre 1855 besuchte König Maximilian II. Joseph von Bayern mit seiner Gemahlin auch Kalchreuth. Auf seinem Weg auf der alten Erlanger Straße kamen sie an einem Kirschgarten vorbei. Die roten Früchte verlockten den König dazu, selbst einige Kirschen zu pflücken. Dabei brach der Absatz eines Schuhs ab, den ein hilfsbereiter Anwohner wieder befestigte. Sein Anwesen trägt seitdem den Hausnamen „Maxnschoster“ für „Schuster des Königs Maximilian“. Er soll auch die jährlich stattfindende „Kirschenkirchweih“ ins Leben gerufen haben.

Ein kurzes Stück weiter, direkt an einer Straßenkreuzung, sehen wir ein Anwesen mit dem Hausnamen „Kratzer“, welcher auf einen Vorbesitzer zurückgeht. Es war früher ein „freieigner Besitz“ der Haller, was bedeutet, dass die Haller darüber frei verfügen konnten – im Gegensatz zu einem Lehen. In einer Urkunde wird das Anwesen 1473 „der Pirnhof“ genannt.

An der Kreuzung gegenüber liegt die Gastwirtschaft „Zu den drei Linden“. Vor dem Biergarten mit den Linden steht ein stattliches Sandsteinhaus, fachgerecht restauriert. Das Anwesen trägt den Hausnamen „Renz“ nach einem Vorbesitzer.

Schräg gegenüber sehen wir ein Gehöft mit dem Hausnamen „Wäber“.Wäber deutet auf den Nebenberuf eines Vorbesitzers hin, der also das Handwerks eines Webers ausübte. Im Dorf gibt es auch einen „Weber“. Da zur Identifizierung nur ein Hausnamen vorkommen konnte unterschied man durch Aussprache und Vorsilben. Der Hof war durch Teilung mit dem Nachbarhof entstanden.

Dieses Anwesen trägt den Hausnamen „Hüllliesl“. Der Gesamthof wird in den Chroniken als „Rehhof“ bezeichnet. Bereits 1334 wird in einer burggräflichen Lehensurkunde ein „Rehlehen“ erwähnt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdecken wir den „Neibauern“. Das Gehöft  ist wahrscheinlich identisch mit dem „Vollandshof“ der in einem Kaufbrief von 1400 benannt wird.

Einige Schritte weiter treffen wir auf den „Krautschneider“. Auch diese Bezeichnung stammt wahrscheinlich wieder von einem Nebenberuf. Der frühere Besitzer Konrad Knapp war Gemeindevorsteher, Steuervorgeher und Oberleutnant der Landwehr. Er begrüßte im Jahre 1912 Prinzregent Luitpold während seines Besuches in Kalchreuth.

Auf der gleichen Straßenseite befinden sich zwei Gehöfte, die wiederum durch Teilung entstanden sind. Sie tragen die Hausnamen „Baimsiemer“ und „Sassn“. Baimsiemer geht zurück auf einen Vorbesitzer namens Simon Böhm. Der Gesamthof war ein Reichslehn und wurde 1374 als „Stöckhof“ erstmals erwähnt. Die zugehörigen Grundstücke auf der Südostseite von Kalchreuth an der Straße nach Heroldsberg bilden einen Großblock „In den Stöcken“. Vermutlich war der Stöckhof ursprünglich in seinen ausgedehnten Fluren angesiedelt.

An der Straße kurz vor dem Schlossplatz befindet sich die Gaststätte Sußner, mit dem Hausnamen „Eggerd“, benannt nach einem Vorbesitzer „Eckert“. Auf dem alten markgräflichen Wirtshaus ruht seit 1569 die Wirtschaftsgerechtigkeit. 1689 wurde die Brauerei eingerichtet. 1864 wurde zur kühlen Lagerung des Bieres der heutige Felsenkeller angelegt.

Am Schlossplatz gegenüber liegt das Hallerschloss. Die früheste Anlage eines Herrensitzes wird bald nach 1342, also nach Erwerb des Ortes durch die Haller, angenommen. Sein Dasein erfahren wir zuerst in einer Urkunde aus dem Jahre 1425. Die Besitzer Wilhelm und Katharina Schenk erhielten 1911 die Genehmigung für den Betrieb einer Gaststätte. Bis 2015 wurde die Gaststätte durch die Familie Scheer weiter geführt. Der berühmte Maler Albrecht Dürer aus Nürnberg malte von einem Fenster des Schlosses die beiden bekannten Bilder „Ansicht des Dorfes Kalchreuth“ und „Tal bei Kalchreuth“.

Links vom Hallerschloss steht die Zehntscheune. Sie gehört ebenfalls zu den Sehenswürdigkeiten im Kirschendorf. Jakob Haller ließ das Gebäude um 1570 errichten. Es ist ein imposanter Fachwerkbau mit grün und weiß gestrichenen Fensterläden, der von seinen Besitzern, der Familie Hartwig, liebevoll restauriert und einer angemessen Aufgabe als Ausstellungsraum für Antiquitäten zugeführt wurde.

Auf der gegenüber liegenden Seite des Schlossplatzes hat die Bäckerei Wiehgärtner einen Verkaufsladen. Das Gebäude, oder vielmehr der Vorläufer, ist auf alten Ansichten des Hallerschlosses mit abgebildet. Der Hausnamen „die Reischi“ stammt von Sebastian Reusch, einem Bäckermeister aus Leutershausen, der das Anwesen 1854 kaufte. Georg Wiehgärtner, ein Bäckermeister aus Kemmathen, übernahm es 1950 von Katharina Müller in Erbpacht.

Hinter diesem Gebäude liegt das Pfarrhaus. Es wurde 1470 durch die Kirchengemeinde Heroldsberg für den Frühmesser als Wohnhaus südlich der Kirche gebaut. 1520 erfolgte der Bau eines Pfarrhauses für die neu eingerichtete Pfarrstelle und 1910 ein Neubau an derselben Stelle.

Die altehrwürdige St.-Andreas-Kirche verdient sicherlich eine eigene Beschreibung. An das Kirchenschiff, das 1471 fertig gestellt wurde, schließt sich der Chor, eine Stiftung der Hallerschen Familie an. Erst 1789 wurde der 36 Meter hohe Kirchturm vollendet. Die verschiedenen Lehensherren, vorwiegend die Familie Haller, stifteten viele Kunstschätze für die Kirche.

Das Gemeindehaus, ebenfalls ein Sandsteinbau, war ursprünglich das Schulhaus. Später diente es einige Jahre der Gemeinde als Rathaus bevor es die evangelische Kirchengemeinde erwarb und als Gemeindehaus umbaute.

Das letzte Objekt auf unserem Spaziergang ist das alte Mesnerhaus. In den Chroniken sind 1511 die Kirchhofmauer und ein Turm mit der Wohnung des Mesners erwähnt. Im Jahre 1565 erfolgte der Bau eines Mesnerhauses. Es diente zeitweise als Lehrerwohnung, Sitz der Gemeindeverwaltung, Mesnerwohnung und ist seit 2008 in Privatbesitz.

Unser historischer Spaziergang ist nun zu Ende. Ich hoffe, er hat Ihnen gefallen.